
Öl auf Leinwand, 58 x 66,5 cm
© Städel Museum / Foto: Städel Museum
Der Witwer, 1844
Träumerische Untreue
Einsam sitzt der Witwer im Sonnenschein. In der einen Hand hält er ein tränennasses Tuch, in der anderen das Medaillon seiner verstorbenen Frau. Trotzdem schaut der Herr unverhohlen den Damen hinterher. Der alternde Mann und die jüngere, hübsche Frau – ein beliebtes Motiv der Kunst. Spitzweg greift es hier auf und zitiert es mit einem Augenzwinkern. Der ehrbare Bürger ist eine Karikatur seiner selbst: Vornehm gekleidet, begehrt er lüstern und träumt von der körperlichen Liebe.
Der Witwer, 1844
Typisch Spitzweg
Der Zylinder bringt’s auf den Punkt: Der Witwer ist ein Biedermann. Als Zeichen der Würde thront der steife Hut auf seinem Kopf. Doch seine Gedanken sind gar nicht so würdevoll. Spitzweg ist Spezialist für Genrebilder mit Humor. Wie kein anderer karikiert er kauzige Typen. Gekonnt parodiert er die bürgerliche Doppelmoral. Trotzdem wirken die Schwächen des Witwers menschlich. Spitzwegs satirische Spitzen sind seinerzeit extrem angesagt. Der Maler gilt heute als einer der bekanntesten Maler des Biedermeier. Dabei hat der gelernte Apotheker nie eine Kunstakademie besucht.
Der Witwer, 1844
Natur mit Struktur
Irgendwas ist ungewöhnlich an der Parklandschaft. Doch was? Scharf geschaut, fällt auf: Die Natur ist wie die Menschen, die sich hier bewegen. Kein wilder Wald, sondern ein Teil eines geordneten Systems. Und wozu die Architektur? Mit ihr holt der Maler die Zivilisation ins Bild.
Der Witwer, 1844
Göttliche Ermahnung?
Zwei Statuen wachen über die Menschen im Bild. Links steht Diana, die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt, zugleich Beschützerin der Frauen und Mädchen. Und rechts Apoll, der Gott des Lichts, der Heilung und der Künste. Er verkörpert außerdem die sittliche Reinheit und Mäßigung. Zufall? Spitzweg setzt hier erneut Ironie ein. Apoll scheint den Witwer dezent zu ermahnen: „Träume nicht lüstern in den Tag!“
Der Witwer, 1844
Spottende Versuchung
Plaudernd schlendern die jungen Damen vorbei, hübsch gekleidet in der bürgerlichen Mode der Zeit. Eine schenkt dem Witwer einen flüchtigen Blick. Oder bildet er sich das nur ein? Nackte Schultern reizen seine Sinne. Doch diese Reize sind nicht für ihn bestimmt, sondern für jüngere Galane. Im Bild schwingt das Motiv des Lustwandelns, der musenhaften Anregung des Mannes an sich, mit.